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7. November 2016 | Barrierefreiheit Was nützt eine barrierefreie Bushaltestelle… wenn der Rollstuhlfahrer nicht mitgenommen wird? Es ist nicht das erste Mal, dass sich Fahrgäste der Linien 67 und 751 über die Betreibergesellschaft beschweren. Busse waren verspätet oder fielen aus, ohne dass darüber informiert wurde, und vieles andere mehr. Es hat sich eine kleine Bürgerinitiative gegründet, die sich mit den Zuständen befasst. Der neueste Zwischenfall: Einem E-Rollstuhlfahrer wurde die Mitfahrt verweigert. Begründung: Der E-Rollstuhl sei für den Bus zu schwer. Nach einem kurzen Telefonat mit seinem Disponenten und dessen Bestätigung, den behinderten Fahrgast nicht zu befördern, schloß der Fahrer die Tür und fuhr los. Der Rollstuhlfahrer hatte die Geistesgegenwart, den Vorfall mit seinem Handy aufzunehmen – es sind also keine Ausreden möglich. Der Grund für dieses Verhalten ist recht einfach: Der Fahrer kannte nicht den Unterschied zwischen einem Elektromobil (im Volksmund Rentner-Chopper genannt) und einem E-Rollstuhl. Das Elektromobil soll im Bus tatsächlich nicht mitgenommen werden – es gilt als vollwertiges Fahrzeug und hat oft auch ein Versicherungskennzeichen. Der E-Rollstuhl aber muß mitgenommen werden. Der zuständige Disponent kannte den Unterschied wohl auch nicht. Es gibt aber noch einen tieferen Grund: Sparen. Es ist bekannt, dass durch die Privatisierung des ÖPNV Preisdruck herrscht. Also wird auf Teufel komm raus um gute Linien konkurriert – die Linien zum Flughafen gehören dazu. Mitbewerber werden unterboten. Ein "normaler" Preiskrieg also. Wenn dann tatsächlich der Zuschlag kommt, ist oft die Decke zu kurz. Also werden die alten Tricks aus der Kiste gezogen: Alte Busse werden eingesetzt, bis sie auseinanderfallen. Reinigung und Wartung werden heruntergefahren. Mit dem Fahrplan wird es nicht so genau genommen. Das Personal wird miserabel bezahlt. Und vor allem: Die Beschäftigten werden kaum geschult. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Busfahrer schlechte Menschen sind. Sie versuchen, wie wir alle, ihren Job zu machen. Wenn es aber im Unternehmen – was offenbar der Fall zu sein scheint – weder ordentliche Deutschkurse, noch Kurse für gutes Benehmen, noch Schulungen für den Umgang mit Fahrgästen und die Bewältigung von Konflikten gibt, dann passiert halt, was passieren muß: Schlecht entlohnte Menschen mit mangelnden Kenntnissen reagieren unter Zeitdruck nun mal nicht so wie eine Flugbegleiterin in der Business-Class . An einem Ende aber wird nicht gespart: Es gibt beim RMV eine ganz tolle PR-Abteilung. Nachdem das Video des unglücklichen E-Rolli-Fahrers im Internet kursierte, kam ein Sturm in der Netz- gemeinde auf. Sogar Raul Krauthausen (bundesweit bekannter Sachwalter von Behinderten) meldete sich zu Wort. Da kam es zuckersüß vom "RMVdialog Team" (was ihnen nicht noch für Begriffe einfallen): "Offenbar hat weder der Busfahrer, noch die von ihm kontaktierte Leitstelle, zwischen E-Rollstuhl und eScooter unterschieden. Um es klar zu sagen: Wenn Sie einen E-Rollstuhl nutzen, darf Sie kein Busfahrer stehen lassen". Die Linie 67 wird von unserem lokalen Partner LNVG Kreis Groß Gerau bestellt und verantwortet und vom Busunternehmen „Becker-Bus“ betrieben. Wir haben aufgrund Ihrer Schilderung unseren lokalen Partner LNVG Kreis Groß Gerau kontaktiert. Diese teilten uns mit, dass Sie gestern bereits telefonischen Kontakt mit dieser hatten und man sich für die falsche Entscheidung bei Ihnen entschuldigte. Die LNVG weist darauf hin, dass dieser Vorfall sehr ernst genommen wird und auch deshalb so ärgerlich ist, da das Thema Barrierefreiheit im Kreis Groß-Gerau sehr ernst genommen wird." Also: Erstmal die schlecht bezahlten Schichtarbeiter (Fahrer und Disponent) runtermachen – natürlich sind die schuld, nicht die Unternehmensleitung, die unausgebildete Menschen losschickt. Und dann honigschleimiges Bla-Bla. Wir wollen jetzt mal nicht unterstellen, dass die Damen und Herren vom "RMVdialog Team" ein paar Mal so viel verdienen wie die Busfahrer, denen sie hier die Schuld zuschieben. Aber: Sprüche gab es schon mehr als genug. Die braucht niemand. Was wirklich notwendig ist: Besserer Lohn für Personal, Einhaltung der Tarife, kein Lohndumping, ordentliche Ausbildung der Fahrer und Disponenten. Kurz gesagt: Schluß mit der Privatisierung des ÖPNV.
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7. November 2016 | Barrierefreiheit Was nützt eine barrierefreie Bushaltestelle… wenn der Rollstuhlfahrer nicht mitgenommen wird? Es ist nicht das erste Mal, dass sich Fahrgäste der Linien 67 und 751 über die Betreibergesellschaft beschweren. Busse waren verspätet oder fielen aus, ohne dass darüber informiert wurde, und vieles andere mehr. Es hat sich eine kleine Bürgerinitiative gegründet, die sich mit den Zuständen befasst. Der neueste Zwischenfall: Einem E-Rollstuhlfahrer wurde die Mitfahrt verweigert. Begründung: Der E-Rollstuhl sei für den Bus zu schwer. Nach einem kurzen Telefonat mit seinem Disponenten und dessen Bestätigung, den behinderten Fahrgast nicht zu befördern, schloß der Fahrer die Tür und fuhr los. Der Rollstuhlfahrer hatte die Geistesgegenwart, den Vorfall mit seinem Handy aufzunehmen – es sind also keine Ausreden möglich. Der Grund für dieses Verhalten ist recht einfach: Der Fahrer kannte nicht den Unterschied zwischen einem Elektromobil (im Volksmund Rentner-Chopper genannt) und einem E-Rollstuhl. Das Elektromobil soll im Bus tatsächlich nicht mitgenommen werden – es gilt als vollwertiges Fahrzeug und hat oft auch ein Versicherungskennzeichen. Der E-Rollstuhl aber muß mitgenommen werden. Der zuständige Disponent kannte den Unterschied wohl auch nicht. Es gibt aber noch einen tieferen Grund: Sparen. Es ist bekannt, dass durch die Privatisierung des ÖPNV Preisdruck herrscht. Also wird auf Teufel komm raus um gute Linien konkurriert – die Linien zum Flughafen gehören dazu. Mitbewerber werden unterboten. Ein "normaler" Preiskrieg also. Wenn dann tatsächlich der Zuschlag kommt, ist oft die Decke zu kurz. Also werden die alten Tricks aus der Kiste gezogen: Alte Busse werden eingesetzt, bis sie auseinanderfallen. Reinigung und Wartung werden heruntergefahren. Mit dem Fahrplan wird es nicht so genau genommen. Das Personal wird miserabel bezahlt. Und vor allem: Die Beschäftigten werden kaum geschult. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Busfahrer schlechte Menschen sind. Sie versuchen, wie wir alle, ihren Job zu machen. Wenn es aber im Unternehmen – was offenbar der Fall zu sein scheint – weder ordentliche Deutschkurse, noch Kurse für gutes Benehmen, noch Schulungen für den Umgang mit Fahrgästen und die Bewältigung von Konflikten gibt, dann passiert halt, was passieren muß: Schlecht entlohnte Menschen mit mangelnden Kenntnissen reagieren unter Zeitdruck nun mal nicht so wie eine Flugbegleiterin in der Business-Class . An einem Ende aber wird nicht gespart: Es gibt beim RMV eine ganz tolle PR- Abteilung. Nachdem das Video des unglücklichen E-Rolli-Fahrers im Internet kursierte, kam ein Sturm in der Netz- gemeinde auf. Sogar Raul Krauthausen (bundesweit bekannter Sachwalter von Behinderten) meldete sich zu Wort. Da kam es zuckersüß vom "RMVdialog Team" (was ihnen nicht noch für Begriffe einfallen): "Offenbar hat weder der Busfahrer, noch die von ihm kontaktierte Leitstelle, zwischen E-Rollstuhl und eScooter unterschieden. Um es klar zu sagen: Wenn Sie einen E-Rollstuhl nutzen, darf Sie kein Busfahrer stehen lassen". Die Linie 67 wird von unserem lokalen Partner LNVG Kreis Groß Gerau bestellt und verantwortet und vom Busunternehmen „Becker-Bus“ betrieben. Wir haben aufgrund Ihrer Schilderung unseren lokalen Partner LNVG Kreis Groß Gerau kontaktiert. Diese teilten uns mit, dass Sie gestern bereits telefonischen Kontakt mit dieser hatten und man sich für die falsche Entscheidung bei Ihnen entschuldigte. Die LNVG weist darauf hin, dass dieser Vorfall sehr ernst genommen wird und auch deshalb so ärgerlich ist, da das Thema Barrierefreiheit im Kreis Groß- Gerau sehr ernst genommen wird." Also: Erstmal die schlecht bezahlten Schichtarbeiter (Fahrer und Disponent) runtermachen – natürlich sind die schuld, nicht die Unternehmensleitung, die unausgebildete Menschen losschickt. Und dann honigschleimiges Bla-Bla. Wir wollen jetzt mal nicht unterstellen, dass die Damen und Herren vom "RMVdialog Team" ein paar Mal so viel verdienen wie die Busfahrer, denen sie hier die Schuld zuschieben. Aber: Sprüche gab es schon mehr als genug. Die braucht niemand. Was wirklich notwendig ist: Besserer Lohn für Personal, Einhaltung der Tarife, kein Lohndumping, ordentliche Ausbildung der Fahrer und Disponenten. Kurz gesagt: Schluß mit der Privatisierung des ÖPNV.